Marvin Chlada, Andreas Gwisdalla
Charles Fourier. Eine Einführung in sein Denken
Alibri-Verlag 2014, 132 Seiten, ISBN 978-3-86569-180-4

Orgien und Tafelfreuden


DUISBURG. (hpd) In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war er einer der bekanntesten politischen Denker. Heute ist sein Name nur noch wenigen Leuten ein Begriff: Charles Fourier. Marvin Chlada und Andreas Gwisdalla meinen, dass Fourier zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Denn zahlreiche Entwicklungen und Debatten hat er gewissermaßen vorweggenommen. Um eine kritische Annäherung an den Franzosen, der sich immer dagegen verwahrte als Philosoph bezeichnet zu werden, zu erleichtern, haben die beiden Autoren nun eine Einführung in dessen Denken vorgelegt. hpd sprach mit Marvin Chlada über Wissenschaftlichkeit, Grundeinkommen und gottgewollte Leidenschaften.

hpd: Wenn ich sagen würde: Fourier war doch ein schräger esoterischer Spinner – liege ich dann völlig falsch?

Chlada: Jein. Zwar hat es mitunter Versuche gegeben, ihn der hermetischen Tradition zuzuschlagen, darunter auch Vergleiche mit Swedenborg und Spekulationen über seine Beziehung zur Loge der Freimaurer – letztlich handelt es sich dabei aber um Vermutungen, die Beweisführungen sind oft mehr als abstrakt oder schlichtweg an den Haaren herbeigezogen. Fourier war ein eigenartiger Kerl mit sonderbaren Vorlieben, gewiss. Die aber sprechen weder für noch gegen ihn.

hpd: Eindeutig dürfte aber sein, dass Fourier davon ausging, dass es Gott gibt und dass er von diesem den Schlüssel zum Verständnis der Welt erhalten hat.

Chlada: Nun, der Schlüssel wurde ihm von Gott ja nicht einfach überreicht. Fourier wollte das Geheimnis Gottes und der Natur lüften. Im Zuge seiner Recherchen, Berechnungen und Betrachtungen hat er den Schlüssel dann entdeckt und festgestellt, dass von einer Vollkommenheit der göttlichen Organisation kaum die Rede sein kann. Ständig mäkelt Fourier an der Schöpfung herum. Beispielsweise scheint ihm die Erdachse einige Grade zu hoch angesetzt. Und dass es Tiere gibt, die weder essbar sind, noch zur Arbeit taugen, das leuchtet ihm schon gar nicht ein. Allgemein aber gilt: Gott ist ein Guter. Es gibt weder Strafen noch eine Hölle. Pflichten oder gar Moral sind ihm völlig fremd. All das sind Fourier zufolge lediglich Erfindungen der Theologen und Philosophen, um die Menschen gefügig zu machen und bei der Stange zu halten. Fouriers Gott hingegen ist ein Gott der Wollust, ein Gott des Genusses und der Verschwendung, einer, der das menschliche Glück wünscht, weshalb er die Menschen mit zahlreichen und heftigen Leidenschaften ausgestattet hat. Fouriers Schlussfolgerung: Sind die Leidenschaften göttlich, also gottgewollt und damit gut, warum diese dann nicht befriedigen? Wenn Gott den Kindern eine Leidenschaft für Süßkram gegeben hat, dann versorgt sie mit Bonbons und Schokolade. Klar, dass da nicht nur die Theologen, sondern auch die aufgeklärten Gesundheitsapostel und Moralisten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

hpd: Warum könnte es für Menschen, die eher der Wissenschaft als höheren Mächten und Prinzipien vertrauen, trotzdem lohnend sein, sich mit dem Mann zu befassen?

Chlada: Erstens: Fourier vertraut keinen höheren Prinzipien. Das Zentrum seiner Betrachtungen bildet der Mensch – und zwar der ganze Mensch, mit all seinen Stärken und Schwächen, Wünschen und Begierden. Was der Mensch daraus macht, ist seine Sache. Gelenkt und verbogen werden Menschen höchstens von anderen Menschen, etwa von Priestern, Vorgesetzten oder Staatsoberhäuptern, von Pädagogen oder der Polizei. Zweitens: Wäre Fourier wissenschaftlich oder erkenntnistheoretisch wertlos, dann hätten weder Marx und Engels, noch John Stewart Mill oder Max Scheler ihm so viel Aufmerksamkeit geschenkt. Nicolaus Sombart hat Fourier gar als Sozialwissenschaftler im besten Sinne des Wortes bezeichnet. Kurz, um Fouriers Wissenschaftlichkeit muss sich niemand Sorgen machen.

hpd: Wie hat sich Fourier die Veränderung der Gesellschaft vorgestellt?

Chlada: Auf genossenschaftlichem Wege, gekoppelt an ein Grundeinkommen, so dass niemand gezwungen ist, einer Tätigkeit nachzugehen, die seinen Leidenschaften nicht entspricht. Fourier geht davon aus, dass die Arbeit dann notwendigerweise attraktiver werden muss. Die abwechslungsreiche und anziehende Arbeit soll Fourier zufolge nicht nur Vergnügen bereiten, sondern darüber hinaus die Produktion steigern.

hpd: Marx hat sich die kommunistische Gesellschaft so ausgemalt, dass man morgens jagen könne, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben und nach dem Essen kritisieren – was schwebte in dieser Hinsicht Fourier vor?

Chlada: Orgien und Tafelfreuden. Aber keine Bange, auch die sind freiwillig. Wie Fourier sagt: In der Harmonie gibt es keinen Zwang. Wenn sich jemand abends der Viehzucht widmen möchte, nur zu, warum nicht?

hpd: Fourier hat sich immer dagegen verwahrt, als Philosoph gesehen zu werden. Als was ließe er sich dann beschrieben? Als Lebensreformer? Als Utopist?

Chlada: Erstmal ist er Sozialwissenschaftler. Reformer? Ja. Fourier hat gesellschaftliche Krisenphänomene, wie etwa Überproduktion, Armut oder Arbeitslosigkeit analysiert und nach Lösungen für diese Probleme Ausschau gehalten. Utopist? Das ist Ansichtssache. Fourier selbst hat den Spieß seinerzeit ja einfach umgedreht: Ihr nennt mich einen Utopisten? Seht euch doch um! Eure Konzepte sind es, die utopisch genannt werden müssen, denn sie haben, aller großen Worte zum Trotz, bis heute nicht dazu beigetragen, das Elend zu beseitigen.

hpd: Hat er sich denn um die praktische Umsetzung seiner Theorien gekümmert?

Chlada: Zu Lebzeiten Fouriers gab es ein Großprojekt, von dem er sich aber früh distanzierte, da das nötige Geld dafür fehlte und Fourier die geplante abgespeckte Variante für untauglich hielt. Das Projekt wurde dann auch abgebrochen. Gegen Ende seines Lebens wollte Fourier dann doch noch mal einen Versuch im kleineren Rahmen starten, diesmal ausschließlich mit Kindern, aber dazu ist es nicht mehr gekommen.

hpd: Was bleibt von Fourier, das wir Heutigen in unseren Werkzeugkasten packen könnten?

Chlada: Allem voran die zwei von ihm in Anschlag gebrachten Methoden, d. h. der absolute Abstand und der absolute Zweifel. Beide sind immer gut zu gebrauchen und stellen ganz sicher eine Bereicherung für jede Werkzeugkiste dar.

Fragen: Martin Bauer, Humanistischer Pressedienst (hpd), 27. Oktober 2014


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