Die gefesselten Worte
Einleitung zu einem situationistischen Wörterbuch

Durch das, was sie verbergen, arbeiten die Banalitäten für die herrschende Organisation des Lebens. Wer sagt, dass der Sprachgebrauch nicht dialektisch sei, drückt eine Banalität aus und untersagt gleichzeitig damit den Gebrauch jeder Dialektik. Doch offenkundig unterliegt nichts mehr der Dialektik als der Sprachgebrauch als lebendige Wirklichkeit. So wurde jede Kritik der alten Welt in der Sprache dieser Welt vorgenommen, und dennoch gegen sie, das heißt automatisch in einer anderen Sprache. Jede revolutionäre Theorie musste ihre eigenen Worte erfinden, den herrschenden Sinn der anderen Worte zerstören und neue Positionen in der „Welt der Bedeutungen“ schaffen, die der neuen, im Entstehen begriffenen Wirklichkeit entsprechen, und die es von dem herrschenden Wust zu befreien gilt. Dieselben Gründe, die unsere Gegner (die Herren des Wörterbuchs) daran hindern, den Sprachgebrauch festzulegen, ermöglichen uns heute, andere Positionen zu beziehen, die den herrschenden Sinn negieren. Dennoch wissen wir von vornherein, dass uns eben diese Gründe keineswegs ermöglichen, auf eine definitiv gesetzgebende Gewissheit Anspruch zu erheben; eine Definition ist immer offen, nie definitiv; die unsrigen gelten geschichtlich, für eine gegebene Periode, die mit einer präzisen geschichtlichen Praxis verknüpft ist.
Es ist unmöglich, sich von einer Welt zu lösen, ohne sich auch vom Sprachgebrauch zu lösen, der sie verdeckt und garantiert, ohne ihre Wahrheit bloßzulegen. Wie die Macht die permanente Lüge und die „gesellschaftliche Wahrheit“ ist, so ist der Sprachgebrauch ihre permanente Garantie und das Wörterbuch ihr universeller Bezug. Jede revolutionäre Praxis hat das Bedürfnis nach einem neuen semantischen Feld und der Bestätigung einer neuen Wahrheit gefühlt. Von den Enzyklopädisten bis zur „Kritik der hölzernen Sprache“ des Stalinismus (durch die polnischen Intellektuellen im Jahre 1956) wird dieser Forderung stets von neuem Nachdruck verliehen. Denn im Sprachgebrauch wohnt die Macht, sie ist der Zufluchtsort ihrer Polizeigewalt. Jeder Dialog mit der Macht ist eine erlittene oder provozierte Gewalt. Wenn die Macht ihre Waffen sparsamer gebraucht, überlässt sie es dem Sprachgebrauch, die unterdrückende Ordnung zu wahren. Mehr noch: die Vereinigung beider ist der natürlichste Ausdruck jeder Macht.

Von den Worten zu den Ideen ist es nur ein Schritt den die Macht und ihre Denker immer tun. Alle Sprachtheorien, vom schwachsinnigen Mystizismus des Seins bis zur höchsten (unterdrückenden) Rationalität der kybernetischen Maschine gehören zu einer und derselben Welt und zwar zur Rede der Macht, die als einzig mögliche Bezugswelt, als die universelle Vermittlung betrachtet wird. Wie der christliche Gott die notwendige Vermittlung zwischen zwei Bewusstsein und zwischen dem Bewusstsein und dem Selbst ist, so lässt sich die Rede der Macht inmitten jeder Kommunikation häuslich nieder, wird sie die notwendige Vermittlung vom Selbst zum Selbst. So gelingt es ihr, die Kritik in den Griff zu bekommen, indem sie sie von vornherein auf ihren eigenen Boden stellt, sie von innen her kontrolliert und durchsetzt. Die Kritik des herrschenden Sprachgebrauchs, seine Zweckentfremdung, wird die permanente Praxis der neuen revolutionären Theorie werden.

Weil jeder neue Sinn offiziell als Widersinn bezeichnet wird, werden die Situationisten die Legitimität des Widersinns begründen und den Betrug des von der Macht garantierten und gegebenen Sinns anzeigen. Weil das Wörterbuch der Hüter des bestehenden Sinns ist, haben wir vor, es systematisch zu zerstören. Die Ersetzung des Wörterbuchs, des Herrn über Reden (und Denken) des ganzen ererbten und domestizierten Sprachgebrauchs, wird ihren angemessenen Ausdruck in der revolutionären Durchsetzung des Sprachgebrauchs finden, in der Zweckentfremdung, die Marx weitgehend praktizierte, die Lautréamont systematisierte und die die S.I. in jedermanns Reichweite bringt.

Die Zweckentfremdung, die Lautréamont Plagiat nannte, bestätigt die seit langem von der modernen Kunst behauptete These, dass sich die Worte nicht unterwerfen lassen, dass es der Macht nicht möglich ist, die geschaffenen Bedeutungen total zu rekuperieren und die bestehende Bedeutung ein für allemal festzulegen kurz, dass es objektiv unmöglich ist, eine „Neusprache“ zu schaffen. Die neue revolutionäre Theorie kann nicht weiterkommen, ohne die bedeutsamsten Konzepte neu zu definieren, die sie tragen. „Die Ideen verbessern sich“, sagte Lautréamont, „die Bedeutung der Worte nimmt daran teil. Das Plagiat ist notwendig: es gehört zum Fortschritt. Es hält sich am nächsten an den Satz eines Autors, bedient sich seiner Ausdrücke, beseitigt eine falsche Idee, ersetzt sie durch die richtige.“ Um das Marxsche Denken zu retten, muss es fortwährend präzisiert und korrigiert, im Licht von 100 Jahren verstärkter Entfremdung und der Möglichkeiten ihrer Aufhebung neu formuliert werden. Marx muss von denjenigen zweckentfremdet werden, die diesen geschichtlichen Weg weitergehen, er hat es nicht nötig, schwachsinnig von denjenigen zitiert zu werden, die ihn tausendfach rekuperieren. Andererseits wird das Denken der Macht selbst in unseren Händen zu einer Waffe gegen sie. Seitdem sie an die Macht gekommen ist, hat die triumphierende Bourgeoisie von einer universellen Sprache geträumt, die die Kybernetiker heute elektronisch zu verwirklichen versuchen. Descartes träumte von einer Sprache (der Vorläuferin einer „Neusprache“), in der die Gedanken mit mathematischer Genauigkeit wie Zahlen aufeinanderfolgen sollten: die „mathesis universalis“ oder die Verewigung der bürgerlichen Kategorien. Die Enzyklopädisten, die (unter der feudalen Macht) von Definitionen träumten, die „so scharf abgegrenzt sind, dass sich die Tyrannei nicht einstellen kann“, bereiteten die ewige Dauer der künftigen Macht vor, als ultima ratio der Welt, der Geschichte.

Die Tatsache, dass sich die Worte nicht unterwerfen lassen, hat von Rimbaud bis zu den Surrealisten in einer experimentellen Phase enthüllt, dass die theoretische Kritik der Welt der Macht untrennbar von einer Praxis ist, die sie zerstört. Die Rekuperierung der gesamten modernen Kunst durch die Macht und ihre Verwandlung in unterdrückende Kategorien des herrschenden Spektakels ist dafür die traurige Bestätigung. „Was die Macht nicht tötet, tötet die Macht.“ Die Dadaisten haben als erste den Worten ihr Misstrauen kundgetan, das sich nicht von dem Willen trennen lässt, „das Leben zu ändern“. Nach Sade haben sie das Recht behauptet, alles zu sagen, die Worte freizumachen und „die Alchimie des Verbs durch eine echte Chemie zu ersetzen“ (Breton). Die Unschuld der Worte wird künftig bewusst denunziert und es wird betont, dass der Sprachgebrauch die „schlimmste aller Konventionen“ ist, dass es ihn zu zerstören, zu entmystifizieren und zu befreien gilt. Die Zeitgenossen Dadas haben nicht versäumt, seinen Willen hervorzuheben, alles zu zerstören (ein „Abbruchunternehmen“, stellte Gide beunruhigt fest), die Gefahr, die er für den herrschenden Sinn darstellte. Mit Dada ist der Glaube absurd geworden, dass ein Wort für immer an eine Idee gekettet ist. Dada hat alle Möglichkeiten des Sagens verwirklicht und das Tor zur Kunst als Spezialität für immer zugestoßen. Es hat endgültig das Problem der Verwirklichung der Kunst gestellt. Der Surrealismus hat nur als Verlängerung dieser Forderung Wert: in seiner literarischen Produktion stellte er aber eine Reaktion dar. Nun bedeutet die Verwirklichung der Kunst, die Poesie (im situationistischen Sinne), dass man sich nicht in einem „Werk“, sondern nur schlechthin verwirklichen kann. Die von Sade eingeführte Forderung, „alles zu sagen“, implizierte bereits die Abschaffung des Bereichs der getrennten Literatur (wo nur das, was literarisch ist, gesagt werden darf). Nur war die von den Dadaisten nach Rimbaud und Lautréamont bewusst bekräftigte Abschaffung keine Aufhebung. Es gibt keine Aufhebung ohne Verwirklichung und man kann die Kunst nicht aufheben, ohne sie zu verwirklichen. Praktisch fand sogar nicht einmal eine Abschaffung statt, denn nach Joyce, Duchamps und Dada wuchert weiterhin eine neue spektakuläre Literatur. Denn „alles zu sagen“ ist nur dann möglich, wenn es die Freiheit gibt, alles zu tun. Dada hatte eine Chance der Verwirklichung im Spartakus, in der revolutionären Praxis des deutschen Proletariats. Dessen Scheitern machte auch sein Scheitern unvermeidlich. In den späteren Kunstschulen (und das gilt auch für fast alle seiner Initiatoren) ist es zum literarischen Ausdruck des Nichts des poetischen Tuns geworden, zur Kunst, das Nichts der alltäglichen Freiheit auszudrücken. Der höchste Ausdruck dieser Kunst, „alles zu sagen“, ohne das Tun ist das unbeschriebene Blatt … Die moderne Poesie (die experimentelle, die der Permutation bzw. des Raumes, die surrealistische bzw. neodadaistische) ist das Gegenteil der Poesie das von der Macht rekuperierte Projekt der Kunst. Sie schafft die Poesie ab, ohne sie zu verwirklichen, sie lebt von ihrer fortwährenden Zerstörung. „Wozu denn die Sprache retten“, erkennt Max Bense elendiglich, „wenn es nichts mehr zu sagen gibt?“ Geständnis eines Spezialisten! Nachplapperei oder Sprachlosigkeit ist die einzige Alternative der Spezialisten der Permutation. Das Denken und die moderne Kunst, die von der Macht garantiert werden und die die Macht garantieren, bewegen sich folglich in dem, was Hegel „die Sprache der Schmeichelei“ nannte. Alle leisten ihren Beitrag zum Lob der Macht und ihrer Produkte, vervollkommnen die Verdinglichung und machen sie banal. Indem die Sprachspezialisten behaupten, dass „die Wirklichkeit in der Sprache liegt“ oder dass „die Sprache nur an sich selbst und für sich selbst betrachtet werden kann“, schließen sie daraus auf die „Objektsprache“ und die „Sachworte“ und ergötzen sich am Lob ihrer eigenen Verdinglichung. Das Modell des Dings wird vorherrschend und noch einmal findet die Ware ihre Verwirklichung, ihre Dichter. Die Theorie des Staates, der Ökonomie, des Rechts, der Philosophie, der Kunst, alles hat jetzt diesen Charakter einer vorsorglichen Apologie.

Da, wo die getrennte Macht die autonome Aktion der Massen ersetzt, da also, wo die Bürokratie sich der Führung aller Aspekte des gesellschaftlichen Lebens bemächtigt, macht sie sich an die Sprache heran und reduziert ihre Poesie auf die vulgäre Prosa ihrer Information. Sie eignet sich die Sprache durch Entzug an, wie alles Übrige, und zwingt sie den Massen auf. Die Sprache wird dann als ein Mittel dazu angesehen, ihre Botschaften zu übermitteln und ihr Denken zu beinhalten; sie ist die materielle Stütze ihrer Ideologie. Dass die Sprache vor allem ein Mittel zur Kommunikation zwischen den Menschen ist, das ignoriert die Bürokratie. Da alle Kommunikation über sie läuft, brauchen die Menschen nicht einmal mehr miteinander zu sprechen: sie müssen vor allem ihre Rolle als Empfänger in dem Netz informationistischer Kommunikation übernehmen, auf das die ganze Gesellschaft reduziert ist als Empfänger von auszuführenden Befehlen.
Die Daseinsweise dieses Sprachgebrauchs ist die Bürokratie, sein Werden die Bürokratisierung. Die aus dem Scheitern der sowjetischen Revolution hervorgegangene bolschewistische Ordnung hat eine Reihe von mehr oder weniger magischen, unpersönlichen Ausdrücken durchgesetzt, die nach dem Bild der Bürokratie an der Macht geformt wurden. „Politbüro“, „Komintern“, „Kavallerie“, „Agitprop“ mysteriöse Namen spezialisierter und wirklich mysteriöser Organe, ohne Beziehung zu den Massen, außer dass sie die herrschende Macht begründen und verstärken. Die von der Bürokratie kolonisierte Sprache reduziert sich auf eine Reihe starrer Formeln ohne Nuancen, wo dieselben Hauptwörter stets von denselben Adjektiven und Partizipien begleitet werden; sie werden durch das Hauptwort regiert, und jedesmal, wenn dieses erscheint, folgen sie automatisch und an der richtigen Stelle. Diese „Disziplinierung“ der Worte bringt eine tiefergehende Militarisierung der ganzen Gesellschaft zum Ausdruck, ihre Teilung in zwei hauptsächliche Kategorien die Kaste der Führer und die große Masse der Ausführenden. Aber diese selben Worte sollen weitere Rollen spielen; sie sind von der magischen Macht durchdrungen, die unterdrückende Wirklichkeit zu stützen, sie zu maskieren und als die Wahrheit vorzustellen, als die einzig mögliche Wahrheit. So ist man kein Trotzkist mehr, sondern „Hitler-Trotzkist“; so gibt es keinen Marxismus mehr, sondern den „Marxismus-Leninismus“ und die Opposition im „sowjetischen Regime“ ist automatisch „reaktionär“. Die Starrheit, mit der diese rituellen Formeln heiliggesprochen werden, bezweckt die Reinheit dieser „Substanz“ angesichts der Tatsachen, die ihr offenbar widersprechen. Dann ist der Sprachgebrauch der Herren alles und die Wirklichkeit nichts mehr, sie ist höchstens noch der Panzer dieses Sprachgebrauchs. Die Leute müssen in ihren Handlungen, in ihren Gedanken und Gefühlen so tun, als wäre ihr Staat diese von der Ideologie feierlich verkündete Vernunft, Gerechtigkeit und Freiheit; das Ritual (und die Polizei) sind da, damit an diesem Verhalten festgehalten wird (vgl. Marcuse, „Sowjetischer Marxismus“).

Durch den Niedergang des radikalen Denkens wird die Macht der Worte, werden die Worte der Macht beträchtlich verstärkt. „Die Macht schafft nichts, sie rekuperiert“ (vgl. S.I. Nr. 8). Die von der revolutionären Kritik geschmiedeten Worte sind wie die Waffen der Partisanen, die auf einem Schlachtfeld zurückgelassen wurden: sie fallen in die Hände der Konterrevolution; und wie Kriegsgefangene sind sie dem Regime der Zwangsarbeit unterworfen. Unsere unmittelbarsten Feinde sind die Vertreter der falschen Kritik, ihre patentierten Funktionäre. Die Trennung von Theorie und Praxis gibt der Rekuperierung ihre zentrale Basis, der Versteinerung der revolutionären Theorie in Ideologie, die die wirklichen, praktischen Forderungen (für deren Verwirklichung in der heutigen Gesellschaft bereits Anzeichen vorhanden sind) in Systeme von Ideen, in Forderungen der Vernunft verwandeln. Die Ideologen jeder Schattierung, Wachhunde des herrschenden Spektakels, führen diese Aufgabe aus; dann wird den zersetzendsten Konzepten ihr Inhalt genommen, sie werden erneut in Umlauf gebracht, im Dienst der aufrechterhaltenden Entfremdung der umgekehrte Dadaismus. Sie werden zu Werbeslogans (vgl. der neueste Prospekt vom „Club Méditerranée“). Die Konzepte der radikalen Kritik erfahren dasselbe Schicksal wie das Proletariat: ihnen wird ihre Geschichte entzogen, ihnen werden die Wurzeln abgeschnitten; sie taugen gerade für die Denkmaschinen der Macht.

Unser Projekt der Befreiung der Worte ist geschichtlich mit dem Unternehmen der Enzyklopädisten vergleichbar. Der Sprache der „Zerrissenheit“ der Aufklärung um das Hegelsche Bild fortzuführen fehlte die bewusste geschichtliche Dimension. Sie war gewiss die Kritik der alten verlebten feudalen Welt, aber ihr war völlig unklar, was aus ihr hervorgehen sollte: keiner der Enzyklopädisten war Republikaner. Sie drückte eher die eigene Zerrissenheit des bürgerlichen Denkens aus; die unsrige zielt vor allem auf die Praxis ab, die die Welt zerreißt und dabei mit den Schleiern beginnt, die sie verhüllen. Während die Enzyklopädisten die quantitative Aufzählung suchten, die begeisterungsvolle Beschreibung einer Welt von Gegenständen, in der sich der bereits vorhandene Sieg der Bourgeoisie und der Ware entfaltete, drückt unser Wörterbuch das Qualitative und den möglichen und noch abwesenden Sieg aus, das Verdrängte der modernen Geschichte (das Proletariat) und die Rückkehr des Verdrängten. Wir schlagen die wirkliche Befreiung der Sprache vor, denn wir nehmen uns vor, sie in der Praxis einzusetzen, die frei von jeder Beschränkung ist. Wir weisen jede linguistische oder andere Autorität zurück: nur das wirkliche Leben ermöglicht einen Sinn und nur die Praxis kann ihn bestätigen. Der Streit um die Wirklichkeit oder Unwirklichkeit des Sinns eines Wortes ist, wenn sie von der Praxis isoliert geführt wird, eine rein scholastische Frage. Wir stellen unser Wörterbuch auf diesen libertären Boden, der sich noch der Macht entzieht, aber ihr einzig möglicher universeller Erbe ist.

Immer noch bleibt die Sprache die notwendige Vermittlung des Bewusstwerdens der Welt der Entfremdung (Hegel würde von der notwendigen Entfremdung sprechen), das Instrument der radikalen Theorie, die schließlich die Massen ergreift, weil sie die ihrige ist erst dann findet sie ihre Wahrheit. Es kommt daher wesentlich darauf an, dass wir unsere eigene Sprache schmieden, die Sprache des wirklichen Lebens, gegen die ideologische Sprache der Macht, in der alle Kategorien der alten Welt gerechtfertigt werden. Von jetzt an müssen wir die Verfälschung unserer Theorien und ihre mögliche Rekuperierung verbieten. Wir benutzen bestimmte Konzepte, die bereits von den Spezialisten benutzt wurden, indem wir ihnen jedoch einen neuen Inhalt geben und sie gegen die Spezialisierungen, die sie unterstützen, und gegen die künftigen Lohndenker richten, die (wie Claudel bei Rimbaud und Klossowski bei Sade) der Versuchung erliegen könnten, ihren eigenen Abfall auf die situationistische Theorie zu schütten. Die zukünftigen Revolutionen müssen ihre eigene Sprache erfinden. Damit die Konzepte der radikalen Kritik wieder zu ihrer Wahrheit gelangen, werden sie eines nach dem anderen überprüft so muss z.B. das Wort Entfremdung, eines der Schlüsselkonzepte für das Begreifen der modernen Gesellschaft, desinfiziert werden, nachdem es ein Axelos in den Mund genommen hat. Alle Worte, die sie alle Diener der Macht sind, stehen zu ihr in demselben Verhältnis wie das Proletariat und wie das Proletariat sind sie das Werkzeug und der Agent der zukünftigen Befreiung. Armer Revel! Es gibt keine verbotenen Worte; in der Sprache, wie künftig auch sonst überall, ist alles erlaubt. Wer sich den Gebrauch eines Wortes verbietet, verzichtet damit auf die Anwendung einer Waffe, die unsere Feinde benutzen.

Unser Wörterbuch wird eine Art Schlüssel sein, der es erlaubt, die Informationen zu entschlüsseln und den ideologischen Schleier zu zerreißen, der die Wirklichkeit überdeckt. Wir werden die möglichen Übersetzungen liefern, die es erlauben, die verschiedenen Aspekte der Gesellschaft des Spektakels zu erfassen und zu zeigen, wie die geringsten Indizien dazu beitragen, sie aufrechtzuerhalten. In gewisser Weise ist dieses Wörterbuch zweisprachig, denn jedes Wort besitzt einen „ideologischen“ Sinn der Macht und einen wirklichen Sinn, von dem wir meinen, dass er in der augenblicklichen geschichtlichen Phase dem wirklichen Leben entspricht. Bei jedem Schritt werden wir auch die verschiedenen Stellungen der Worte im sozialen Krieg bestimmen können. Während das Problem der Ideologie darin besteht zu wissen, wie man aus dem Himmel der Ideen in die wirkliche Welt hinabsteigt, wird unser Wörterbuch ein Beitrag zur Erarbeitung der neuen revolutionären Theorie sein, in der das Problem darin besteht zu wissen, wie man aus der Sprache in das Leben gelangt.

Die wirkliche Aneignung der arbeitenden Worte kann nicht außerhalb der Aneignung der Arbeit selbst verwirklicht werden. Die Herstellung der befreiten schöpferischen Aktivität wird gleichzeitig die Herstellung der wahrhaften, endlich befreiten Kommunikation sein und die Transparenz der menschlichen Beziehungen wird an die Stelle der Armut der Worte unter dem alten Regime der Undurchsichtigkeit treten. Die Worte werden nicht aufhören zu arbeiten, solange die Menschen damit nicht aufgehört haben.

Mustapha KHAYATI

Text aus Situationistische Internationale Nr. 10/1966